|
Date: Wed, 19 Jan 94 23:59 PST
From: UCLA/VA Neuropsych Subject: 6.6 CC: Marco Versace
4:31 in der Nacht und ich werde von einem daemonisch lauten Knall und einem Rumpeln aus dem Schlaf gerissen, der bestaendig staerker wird. Griff zum Lichtschalter, die erste Panik, klirrendes Glas, Geraeusche von schweren umfallenden Gegenstaenden - Licht geht nicht. Es wird lauter und erst die ersten fuenf Sekunden sind vorbei. Es fuehlt sich an, als ob ein Lastwagen durch das Haus gefahren ist, der Dachstuhl schwingt wie bloede. Dumpfer Knall noch von ueberm Dach und ich renne was die Beine und der rasende Adrenalinspiegel hergeben. Es ist immer noch laut, ein tiefes Grollen, das aus der Erde kommt. Der Fussboden bewegt sich. Knarren im ganzen Haus, ein Holzhaus. Ich habe Angst, das mein 40 Jahre altes Haus auf mich zusammenbricht, nach Tagen wird man eine verwesende Leiche finden. Ich bin voellig allein in diesem viel zu grossen Haus und ich muss schnell raus. Der einzige Gedanke ist auf die Strasse zu rennen. Dort angekommen - alle Alarmanlagen der Autos gehen, kein Licht zu sehen, es ist dunkel, sehr dunkel. Die Transformatoren an der ueberirdisch auf Masten gespannten Stromleitungen blitzen und tauchen die Umgebung in ein zu lang andauerndes Blitzlicht. Hunde bellen, die ersten Nachbarn sind zu sehen, barfuss wie ich im Schlafanzug oder Morgenmantel, und wie ich sehen sie Feuer. Flammen, die wenige Blocks hinter unseren Haeusern lodern. Wunderbar klarer Himmel und kein Streulicht aus der Stadt lassen die Sterne wie nie zuvor in dieser Megapolis sichtbar werden. Es ist kalt. Ruhe. Das erste Nachbeben schuettelt uns wieder auf die gleiche Art, vor allem wird die Psyche geschuettelt. Das Zuhause, ein Haus, ist im Bruchteil der Sekunde von einem sicheren Ort in einem der Todesangst ver- wandelt worden. Diese Grundlage wird mir unter den Fuessen weggezogen. Wieder hoert man Glas klirren und furchtbares und toedliches Grollen. Mit dem wenigen Licht, was vom Himmel noch kommt, suche ich die Erde nach Rissen ab, doch die klaffende Stelle ist nicht zu sehen. Der erste Schock war 10 Sekunden Stossen und 30 rollendes Nachbeben. Der Zweite ist laenger, und wie ich spaeter hoere, nicht so stark. Ich brauche Taschenlampe und Radio, Glueck im Unglueck ist, das beides im gluecklicherweise unverschlossenen Auto im Handschuhfach liegen. Endlich Licht. Das Haus steht noch. Ich muss rein, Jacke, Schuhe und Zigaretten haben. An der Haustuer halte ich noch und zoegere, frage mich, ob es mehr Nachbeben geben wird. Die Verwuestung innen ist weit schlimmer als die uebliche Unordnung. Alles, was ich besitze, liegt auf dem Boden, Sachen sind umgestuerzt, unglaublich viel Glas - es gibt keine Zeit zum Beobachten, der Naechste kommt bestimmt. Neben den Zichten liegen noch Likoerschokos, werden auch mitgenommen. Wieder schnell raus. Ich spuere Angst und Adrenalin wie nie zuvor. Flashbacks gehen mir durch den Kopf, die mir noch heute mehr als Schauer den Ruecken runterjagen. Die Taschenlampe hat mir mein Vater keine Woche vorher geschenkt, ob ich denn sowas gebrauchen koenne, frug er. Lag noch im Auto. Frische Batterien, und das Radio ist auch batteriebetrieben. Die Sender haben noch das Nachtprogramm vom Tonband laufen. In der abklingenden ersten Panik lausche ich Spielsendungen und wer irgendein Lied erraten koenne. Mittelwelle ist aktueller, dort ist bald ein Moderator dran, dann die Katastrophenmeldungen und Verhaltensregeln von Band. Neue Panik geht um in den kleinen Menschen- trauben, Gaslecks. Die meisten Haeuser haben Gasanschluesse in Los Angeles, Keiner traut sich mehr in die Haueser. Die erste Meldungen, 6.6 auf der Richterskala. Aus der Notausgabe der Zeitung, nur ein paar Seiten, ist ein Tage spaeter das Epizentrum beschrieben. Keine 2 Meilen von meinem Haus entfernt, also Epizentrum fuer mich. Es dauert ewig bis zum Morgengrauen, die Nachbarn reden, ich rede mit Nachbarn, alle stehen neben sich. Der sicherste Ort ist jetzt die Strasse, wo man sonst in LA Gefahr laeuft, erschossen oder ueberfahren zu werden laeuft. Der Rest der Nacht ist gepraegt von Nachbeben nicht unbeachtlicher Staerke, aber selbst wenn nur jemand auftritt und Schwingungen sich im Boden fortsetzen - die Panik ist bei der kleinsten Bewegung der ERde wieder da. Und Nachbeben reichen bis 5.3 Richterskala. Ein Unterschied von 1 in dieser Richterskala bedeutet eine Verzehnfachung der Energie des Erdstosses. 0.3 sind eine Verdopplung. Die Nachbeben sind zwanzigmal kleiner als der Hauptstoss, und jezt wach hoeren wir immer noch Glas klirren. Wir beobachten die Feuer mit ihrem orangen Schein. Manche Nachbarn packen wie verrueckt Sachen, verschwinden mit Vollgas die Strasse hinunter. Ich lasse das, denn ich erwarte Panik auf den Freeways, das muss 'the big one' gewesen sein. Oder war es gar 'nur' ein Wegbereiter eines noch vernichterenden Erdbebens... Waehrend der Morgen graut lerne ich eine Famile mit zwei voellig stummen Kindern kennen, in sonst in dieser aggressiven Stadt ungewohntem Waerme fragt man nach dem Befinden, versucht zu helfen, verleiht Taschenlampen, geht Wetten ueber die dann noch bekanntzugebende Richterzahlt ein. Eine wie ich alleine in ihrem Haus wohnende aeltere Frau hat in diesem Punkt dann Recht, in ihrem Haus sind alle Fensterscheiben geplatzt. Dann eine allein- stehende Mutter mit zwei Toechtern, eine davon Taubstumm. Wie schlimm muss es erst fuer diese gewesen sein, denn ihre verbleibenden Sinne sind sicher empfindlicher. Zurueck an meinem Haus wuerde ich um alles in der Welt nicht wieder hinein gehen. Gluecklicherweise haben wir eine warme Periode im Winter um die 10 Grad Nachts. Bei den staendigen Tremoren frage ich mich, ob die Baeume und Palmen umkippen koennen, nehme mich diesem Thema also an. Es kippen aber nie Baeume um, wenn man hinguckt. Als es hell ist sehe ich den Wagen von Jess und Bettina, Freunde, in meine Einfahrt und laufe erleichtert hin. Ihr Haus ist vom Fundament geschoben worden, Gas und Wasserleitung mit entsprechenden Auswirkungen sind abgerissen worden. Mit ihnen gehe ich kurz in Haus, der naechste Tremor schickt unds wieder raus. Wir fahren dann herum und zu ihrem Haus, sie haben einen Propanbetriebenen Gartengrill, wie bereiten uns mit Bauerneiern vom Nachbarn in der Sonne ein Fruehstueck. Sogar Kaffee gibt's. Mehr Nachbarn. Kein Strom, kein Gas, Telefonsystem total ueberlastet. Wir kriegen nichtmal ein Waehlton. Oder besetzt. Unser Arbeitsgebaeude liegt in der Naehe, wie fahren dort hin, in der Hoffnung, die Telefone funktionieren dort. In unserem Gebauede kommt Wasser wie im Wasserfall die Kabelschaechte hinunter. Es ist schwuel und heiss, ueberall lieben Manuskripte und Buecher. Wir informieren uns darueber, dass das Krankenhaus auf dessen Gelaende wir auch sind, evakuiert wird. Backsteinhaus. Kurzes Nachbeben, und wir sind wieder draussen. Was wird aus unseren Jobs? Nachrichten koennen wir ab jetzt nur noch im Radio hoeren, keine von den dramatischen Bildern sind uns gegoennt, obwohl wir mittendrin sitzen. Keine Ampeln funktionieren. Der Strom wird noch fuer zwei Tage ausgefallen sein. Jess und Bettina ziehen zu mir. In meiner Garage werden Massen von Computerhardware getrocknet von der Arbeit. Noch drei Tage spaeter gibt es nochmal ein 5.3er. Die Erinnerung ist sofort wieder da. Viele Menschen sind in zusammenbrechenden Appartmenthaeuer gestorben. Die Buergersteige sind voll von kampierenden Menschen, die sich Nachts und ohne Licht nicht mehre in ihr Haus trauen. Auch ich schlafe draussen, nach einer Flasche Sekt gelingt mir das auch. Von vier Stoessen in 15 MInuten werde ich geweckt. Nachbeben wird es noch 2 Wochen geben, die Staerke wird nicht abnehmen, nur die Haeufigkeit. Und jedesmal ist es wie auf einem Boot, das mit einem Hammer bearbeitet wird. Die Angst ist jedesmal wieder da. Im Radio machen sich 'Earthquake Psychologen' breit, die von Post Traumatic Stress Disorder sprechen. Vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang wird Ausgangsperre verhaengt. Diese paar Sekunden werden mir lange als Todesangst in Erinnerung bleiben. Drei Tage spaeter gibt es die ersten Earthquake Parties und auf Anruf- beantworter tauchen gehauchte Texte wie 'Du wirst es nicht glauben, aber letzte Nacht hat sich die Erde unter meinem Bett bewegt' auf. Fuer ein Paar Tage ist in dieser auseinanderdriftenden Stadt aber etwas mehr Freundlichkeit zwischen den Menschen zu spueren gewesen.
Marco Versace, 17. Januar 1994
Waehrend ich dieses schrieb musste ich zweimal zum angeblich sichersten Ort in einem Haus waehrend eines Bebens rennen, unter dem Tuerrahmen.
|